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Buchbesprechung Erfolgsfaktor Energieeffizienz – Investitionen, die sich lohnen - Wie Unternehmen und öffentliche Einrichtungen Energie und Kosten einsparen können

Rezension von Dr. Gert Brüning

Buchbesprechung Erfolgsfaktor Energieeffizienz – Investitionen, die sich lohnen - Wie Unternehmen und öffentliche Einrichtungen Energie und Kosten einsparen können – Hrg: Maximilian Gege, Marilyn Heib, oekom Verlag, München 2011, ISBN 978-3-86581-267-4


ZUSAMMENFASSUNG:


Die Autoren wollen mit diesem Buch beweisen, dass ökologische Ziele auch ökonomisch sinnvoll sein können: An vielen Beispielen rechnen sie vor, dass Investitionen in den Umweltschutz mit Kapitalrenditen bis über 200% realistisch seien. Ihre Realisation scheitere vor allem an fehlendem Know-how und mangelnder Finanzierbarkeit. Das Know-how sollen erfolgsabhängig bezahlte Berater liefern. Das Konzept zur Lösung des Kapitalmangels besteht in der Gründung einer Zukunftsfonds-Genossenschaft, die von nachhaltigkeitsbewußten Bürgern 1% bis 10% des bundesdeutschen Nettogeldvermögens (33 bis 330 Mrd €) einsammelt. Der so finanzierte „Zukunftsfonds Deutschland“ vergibt aus diesen Mitteln Darlehen für energieeffiziente Investitionen, die sich aus den erwarteten Einsparungen quasi von selbst finanzieren, die Gewinne der Unternehmen erhöhen und den Zeichnern der Genossenschaftsanteile eine jährliche Verzinsung von mindestens 5% garantieren. Leider erweist sich dieses Konzept bei näherer ökonomischer Analyse als nicht ausgereift.
Weder das angestrebte Fondsaufkommen ist realistisch noch ist damit zu rechnen, dass von den Unternehmen Kredite in diesem Umfang nachgefragt werden, wenn eine Darlehensverzinsung von fast 10% wie in den Beispielrechnungen am Ende des Buches gefordert wird.

BUCHREZENSION:


Der Sammelband mit einem Geleitwort von Bundeskanzlerin Angela Merkel und einem Vorwort der Herausgeber Prof. Maximilian Gege (Vorsitzender B.A.U.M. e.V .) [Anm 1 ] und Marilyn Heib (Vorstand Hambur-ger Klimaschutz-Fonds, www.klimaschutz.com) umfasst fünf Kapitel mit insgesamt 272 Seiten.
Er ist kurz nach dem Unglück in Fokushima (März 2011) erschienen. Namentlich gekennzeichnet sind nur acht kurze Beiträge des ersten Kapitels. Die Autoren der restlichen Kapitel bleiben ungenannt, vermutlich sind es die Herausgeber selbst, aber als Autor (mit Foto) ist im Anhang auch Herbert Köpnick (langjähriger Referatsleiter für Umwelt in Bayern) aufgeführt, ohne dass man ihm einen konkreten Beitrag zuordnen kann.
Ausgehend von der Notwendigkeit einer Energiewende als Herausfor-derung des 21. Jahrhunderts (Kapitel 1) werden im zweiten Kapitel die Einsparpotentiale an Energie und CO2-Ausstoß in Deutschland umrissen. Das umfangreiche dritte Kapitel beschreibt fast 90 meist bereits realisierte Projekte aus Wirtschaft und Verwaltung, die beweisen sollen, dass sich mit ökologisch sinnvollen Maßnahmen auch ökonomische Erfolge mit Renditen bis über 200% erzielen lassen. Im vierten Kapitel werden die Ursachen dafür untersucht, dass derartige Projekte noch nicht umfassend umgesetzt werden. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass die notwendigen Investitionen trotz hoher Rendite und geringem Risiko häufig wegen Kapitalmangels nicht finanzierbar sind. Um diesen Kapitalbedarf zu decken, schlagen sie im fünften Kapitel vor, einen „Zukunftsfonds“ aufzulegen, der für Unternehmen und Verwaltungen Kredite für diese Investitionen bereitstellt, die dann aus den erzielten Einsparungen getilgt und finanziert werden. Sie rechnen für einen solchen Zukunftsfonds mit Einlagen von 1% bis 10% des bundesweiten Nettogeldvermögens, das heißt mit einem Volumen zwischen 33 und 330 Mrd Euro.
1. Das erste Kapitel „Klimaschutz und Energiewende – Die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“ enthält 10 Beiträge (1.1 bis 1.10), von denen acht namentlich gekennzeichnet sind. Meist handelt es sich um kurze Statements von zwei bis 5 Seiten. Es entsteht der Eindruck, die Herausgeber wollten möglichst viele namhafte Persön-lichkeiten in ihr Projekt einbinden, um ihr Netzwerk zu dokumentieren oder zu vertiefen.
1.1, 1.2 Die namentlich nicht gezeichneten Abschnitte 1.1 und 1.2 dieses Kapitels [Anm 2 ] prognostizieren eine Energiewende mit exponentiellem Wachstum erneuerbarer Energien angesichts sinkender fossiler Ressourcen und eines trotz Effizienzsteigerungen steigenden Energie-verbrauchs einer wachsenden Weltbevölkerung. Chancen für ein „ökologisches Wirtschaftswunder“ sehen sie in einem gewaltigen Nachfrageschub, ausgelöst durch energiesparende Investitionen, die allein in Deutschland in den Schlüsselbereichen Gebäudesanierung und Elektromobilität zu Investitionen von 8 Billionen (= 8000 Milliarden) Euro führen würden. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass bei einer kurzfristig erreichbaren 30%igen Energieeinsparung „in den Kassen der Unternehmen rund 19 Milliarden Euro und in den Geldbeuteln der Haushalte rund 31 Milliarden Euro [verbleiben]. Und das jedes Jahr.“ Zweifel, ob dies eine „Win-win-Situation par Excellence“ ist (S.27), sind angebracht, denn bei dem genannten Einsparpotential von 50 Mrd Euro pro Jahr dauert es 20 Jahre, bis eine Investitionssumme von nur 1 Billion € finanziert ist. Von Zinszahlungen für notwendige Kredite wollen wir dabei gar nicht reden.
1.3 Autor des dritten Abschnitts des ersten Kapitels „Energieeffi-zienz: Zwei Seiten einer Medaille“ ist Dr. Norbert Röttgen, seinerzeit Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Er schildert die Energieeffizienz-Ziele der Bundesregierung und charakte-risiert ihre Energiepolitik als „ökologisch gestaltete Ordnungspolitik, die Umweltschutz und Ressourcenschonung zum wirtschaftlichen Eigeninteresse von Unternehmen und Bürgern macht.“ Umweltschutz und wirtschaftliches Wachstum seien im 21. Jahrhundert keine Gegensätze, „sondern zwei Seiten einer Medaille“.
1.4 Stephan Kohler (Vors. der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena)) ist Verfasser des Abschnitts 1.4. Für sein anspruchsvolles Thema „Die wirtschaftlichste Art, das Klima zu schützen“ reichen ihm gerade einmal 2 ½ Seiten. Das kann nur schief gehen. Er wiederholt bereits zuvor Gesagtes zu Klimazielen und Gebäudesanierung und betont die generellen Chancen für deutsche Unternehmen, mit innovativen energieeffizienten Produkten, Anlagen und Systemen die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und neue Geschäftsfelder auf nationalen und internatonalen Märkten zu erschließen. Als Beispiel nennt er in einem Halbsatz Contracting-Dienstleistungen, ohne aber auf Ausgestaltung, Kosten, Nutzen und Risiken einzugehen. Auch den Erwerb von Emissionszertifikaten durch Klimaschutzinvestitionen im Ausland hebt er pauschal als gewinnbrin-gend hervor. Mit kritischen Stimmen zu diesem Instrumentarium (vgl. z.B. das „grüne Paradoxon beim Emissionshandel“ [Anm 3 ] ) setzt er sich nicht auseinander. Was die wirtschaftlichste Art ist, das Klima zu schützen, weiß man nach der Lektüre dieses Abschnitts nicht.
1.5 In Abschnitt 1.5 “Von der Ökoeffizienz zur Ressourceneffizienz“ von Stefan Schaltegger, Prof. am Centre for Sustainability Manage-ment (CSM) an der Universität Lüneburg, wird erstmals der Begriff Ökoeffizienz definiert. Darunter versteht er das Verhältnis einer ökonomischen Leistung (monetäre Wertschöpfung) zu einem ökologi-schen Schaden (physikalische Schadschöpfung). Zur Messung der ökonomischen Leistung könne je nach Betrachtungsgegenstand (Produkt, Produktionsprozess, Werk usw.) neben der Wertschöpfung als Differenz zwischen Umsatz und Vorleistungen auch eine finanzielle Größe wie Deckungsbeitrag, Kapitalrendite (ROI) oder Nettoanlagen-rendite (RONA) sinnvoll sein. Schadschöpfung ist „die nach ihrer relativen Schädlichkeit bewertete Summe an Umwelteinwirkungen, die mit einem Produkt, Produktionsprozess, Werk oder Unternehmen einhergehen“, z.B. die CO2-Emission (gemessen in t). Anschließend behandelt er drei Wege der Ökoeffizienzsteigerung: Verminderung der Materialmengen durch Recycling, Erhöhung der Produktlanglebigkeit und Erhöhung der Ressourceneffizienz.
1.6 In Abschnitt 1.6 „Energieeffizienz, ein Gewinnerthema?“ beschäftigen sich Martin Bornholdt und Christian Noll, Geschäftsfüh-rende Vorstände der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffi-zienz e.V. ( DENEFF), einem Zusammenschluss von Vorreiterunter-nehmen der Energieeffizienzbranche. Sie befürchten, das Thema Energieeffizienz degeneriere zu einem leeren Konsens, weil eine breite Zustimmung bei konkreten Projekten zu häufig auf energische Widerstände stoße (Beispiel Glühlampenverbot). Notwendig sei es, die entstehenden Märkte zu entwickeln und „Energieeffizienz für den Anwender nachvollziehbar und erlebbar zu machen“. Die DENEFF als industrieübergreifende Initiative will „der Energieeffizienz eine Stimme geben“ und registriert auch ein stetig wachsendes Interesse von Abgeordneten des Bundestages und des Europaparlaments, sich für das Thema stark zu machen. Als Beleg dafür verweisen sie auf ihren Beirat von zehn Parlamentariern und die Unterstützung von Minister Brüderle und Röttgen.
1.7 Dr. Peter Vest (Vorstandsvors. Institut für Recht und Energiewirt-schaft, Dr. Vest Beteiligungsgesellschaft mbH) beschäftigt sich in Abschnitt 1.7 mit dem Thema „Sinnvolle Marktanreize als Schlüssel zur Steigerung der Energieeffizienz und zur schnelleren Umsetzung neuer Effizienttechnologien“ . Er plädiert für ein ganzheitliches Förderungskonzept erneuerbarer Energien, das nicht nur die Energie-erzeugung sondern auch auf die Beseitigung von Marktverzerrungen und ein intelligentes Energiemanagement umfasst. Marktverzerrungen entstehen durch eine relative Überförderung der Erzeugung erneuerba-rer Energien gegenüber der Förderung energieeffizienter Anlagen (Beispiel Heizungsanlagen) oder innovativer Speichertechnologien. Die Abstimmung von Verbrauch und Erzeugung erfordern ein „Lastmanagement“, das Energieproduktion und effiziente Speicher mit einem effektiven Energiemanagement so verbindet, dass der „Verbrauch zum richtigen Zeitpunkt“ erfolgt.
1.8 Der Abschnitt 1.8 von Dr. Simon Burger, Referatsleiter Dezernat Städtebau und Umwelt des Deutschen Städte- und Gemeindebundes beschäftigt sich mit „Klimaschutz durch Energieeffizienz in Kommu-nen“. Ausgehend von der Vision einer „Null-Energie-Kommune“, wie die in Abu Dhabi am persischen Golf geplante Retortenstadt Masdar City, werden hier kurz und präzise die politischen, rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen kommunaler Klimapolitik in Deutschland skizziert. Auf dem Weg zu einem „zukunftsfähigen Klimavölkerrecht“ komme den Kommunen eine Schlüsselfunktion zu. Durch die verfassungsrechtlich verankerte Selbstverwaltungsautonomie können sie eine eigenständige Klima- und Energiepolitik betreiben. Die kommunalen Handlungsfelder reichen von der Sanierung kommunaler Gebäude, über die Bauleitplanung, die Erhöhung der Flächeneffizienz bis zur Effizienzsteigerung bei den kommunalen Stadtwerken, der Modernisierung der Straßenbeleuchtung und der Berücksichtigung der Energieeffizienz als Kriterium für die Auswahl der Lieferanten von Produkten und Dienstleistungen.
1.9 Prof. E. Günther und H. Hoppe (Lehrstuhl für betriebl. Umwelt-ökonomie TU Dresden) widmen sich in Abschnitt 1.9 der „Ökonomie und Ökologie in Beschaffungsentscheidungen“. Sie übertragen das ökonomische Konzept der ‚Lebenszykluskostenrechnung’ auf das ökologische Konzept einer Ökobilanz, z.B. in Form eines ‚CO2-Emissions-Profils’. Die Lebenszykluskostenrechnung berücksichtigt, dass sich höhere Anschaffungsauszahlungen am Beginn einer Investition lohnen können, wenn sie durch den Barwert der künftigen Einsparungen bei Betrieb, Instandhaltung und Entsorgung überkom-pensiert werden. Entsprechend kann das CO2-Emissions-Profil zeigen, ob eine höhere CO2-Belastung bei der Produktion eines Investitionsgu-tes durch geringere Emissionen bei Betrieb, Instandhaltung und Entsorgung überkompensiert wird. Die Autoren sehen in der Kombina-tion beider Methoden „gute Möglichkeiten zur Verknüpfung ökologi-scher und ökonomischer Kriterien bei Beschaffungsentscheidungen.“ Die Antwort auf die Frage, welches der beiden Kriterien im Zweifels-fall dominieren sollte, bleiben sie allerdings schuldig.
1.10 Der umfangreichste Beitrag (9 Seiten) des ersten Kapitels ist Abschnitt 1.10 mit dem Titel „Elektroauto plus Carsharing: Ein Win-win-Konzept für Klimaschutz und urbane Lebensqualität“ von Prof. Heinz Baisch (Hamburger Klimaschutz-Fonds e.V.). Er setzt sich für ein „Gesamtkonzept Elektromobilität“ ein. Dieses müsse „den Vorrang des elektrisch betriebenen öffentlichen Schienenverkehrs in Infrastruk-tur und Organisation ausbauen und den Individualverkehr so damit verzahnen, dass Klimaschutz (nur regenerativ elektrisch) und Lebens-qualität gefördert werden.“ Er bemängelt, dass die großen Autoherstel-ler mit Ausnahme der Fa. Renault bis Ende 2010 keine elektrischen Serienautos anbieten. Vor dem Hintergrund, „dass 93% der täglichen Fahrten unter 37 Kilometer pro Tag betragen“, plädiert er für preis-günstige Elektroroller, die schon jetzt angeboten werden. Für Metro-polregionen biete sich zudem eine Kombination von öffentlichem Personennahverkehr und Elektroauto im Carsharing an. Die Zunahme der Elektroautos könne sich an der Zunahme regenerativer Energie orientieren, denn dem Klimaschutz hilft die Elektromobilität nur, wenn genügend regenerativer Strom verfügbar ist (CO2-Ausstoß 5g/km). Beim aktuellen Strommix beträgt der CO2-Ausstoß 116 g/km (ohne die Belastung durch Herstellung und Recycling der Batterien).
2 Das zweite Kapitel fasst auf knapp 30 Seiten die „Einsparpotentiale an Energie und CO2 in Deutschland aus Sicht der Herausgeber zusammen. Es enthält drei Abschnitte.
2.1 Im ersten Abschnitt kommen die Autoren auf Basis von Studien von McKinsey, Prognos AG, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie sowie BAUM-Consult zu dem Ergebnis, dass die im Energiekonzept der Bundesregierung festgelegten Ziele erreichbar erscheinen. Ziel ist es danach, die CO2-Emissionen, die im Jahr 1990 noch 950 Mio Tonnen betrugen, bis zum Jahr 2020 um 40% und bis 2050 um 80% auf dann nur noch 190 Mio Tonnen zu reduzieren. Bis Ende 2009 wurde bereits eine Reduktion um 21% auf 750 Mio Tonnen erreicht.
2.2 In Abschnitt 2.2 geht es um die Energie-Einsparpotentiale von „Unternehmen: Industrie, Gewerbe, Handel und Dienstleistungen“ in vielen unternehmerischen Bereichen wie Prozessoptimierung, Beleuchtung, Druckluft-, Pumpensysteme u.a. Beispielhaft werden konkrete Maßnahmen zur Energieeinsparung erläutert. Studien der Deutschen Energie-Agentur (dena) und des Zentralverbandes der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) belegen das Einsparpo-tential und eigene Erfahrungen von B.A.U.M. werden eingebracht. Alle ermitteln erhebliche, zum Teil aber stark voneinander abweichende Einsparpotentiale, z.B. bei der Prozessoptimierung: dena 40% , ZVEI 10% bis 25%.
Die Realisierbarkeit der genannten Einsparpotentiale wird durch 97 „ÖKOPROFIT-Projekte“ mit 1.109 Betrieben in Nordrhein-Westfalen belegt, die bis Ende 2010 unter Federführung der B.A.U.M Consult Hamm abgeschlossen wurden. Danach refinanzierten sich Investitionen bei der Gebäudeautomation in knapp drei Jahren (vgl. die Erfahrungs-berichte in Kapitel 3).
Größtes Hemmnis bei der Umsetzung sei die Finanzierung der notwendigen Investitionen. Fremdkapital sei „aufgrund der reduzierten Eigenkapitaldecke der Unternehmen“ oft nur zu erhöhten Zinsen und nicht in der gewünschten Höhe und mit der beantragten Laufzeit zu beschaffen. Ein Balkendiagramm (Seite 79) soll das schrumpfende Eigenkapital belegen. Danach hätten die Verluste der „Kapitaldecke“ zum Vorjahr in allen zwölf Branchen zwischen 24,3% (Bergbau) und 35,7% (Verkehr) betragen. Das wären im jeweiligen Branchendurch-schnitt innerhalb eines Jahres Verluste von einem Viertel bis zu einem Drittel des Eigenkapitals. Den Autoren hätte auffallen müssen, dass diese Angaben nicht stimmen können. (Die zitierte Quelle (Creditre-form 2011) findet sich nicht im Literaturverzeichnis und konnte deshalb nicht überprüft werden).
2.2a Der folgende Abschnitt (in der Gliederung vergessen) „Öffentli-che Hand: Bund, Länder und Kommunen“ gibt einen Überblick über Einsparungspotentiale im Bereich der Gebäudewirtschaft, der Straßenbeleuchtung, des Personennahverkehrs und der „Green IT“. Allein in der Gebäudewirtschaft bestehe nach Schätzung der „dena“ ein mehr als 50%iges Einsparpotential in Höhe von 2,4 Mrd Euro jährlich, von dem die Kommunen mit ihren ca. 40.000 Schulgebäuden am meisten profitieren könnten. Da die notwendigen Haushaltsmittel nicht aufzubringen seien, empfehlen die Autoren zur Finanzierung das Energiesparcontracting. Hier übernimmt ein Contractor Planung, Finanzierung und Durchführung der Sanierungsmaßnahmen. Die öffentlichen Vertragspartner erhalten sofort ca 10% der Einsparungen. Die vollen Einsparungen kommen ihnen nach ca. 10 Jahren zugute, nachdem der Contractor seine Investition refinanziert hat. Diese Idee liegt auch dem von den Herausgebern vorgeschlagenen „Zukunfts-fonds“ zugrunde und wird dort kommentiert (vgl. Kaitel 5).
2.3 Der Abschnitt 2.3 behandelt „Privathaushalte Wohngebäude, Mobilität, Konsum“. Danach verursacht ein 2-Personenhaushalt für Kraftstoff, Wärme und Strom (Stand 2008) jährlich einen Ausstoß von 8 Tonnen CO2 (S.95), von denen sich 5,2 t durch energiesparende Maßnahmen einsparen ließen (S.102). Gleichzeitig würde der Haushalt um 1.900 €/Jahr entlastet. Hinzu kommen indirekte Einsparpotentiale durch ein Konsumverhalten, das den Energieverbrauch für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung berücksichtigt.
3 Das umfangreiche dritte Kapitel „Best-Practice-Beispiele“ beschreibt fast 90 meist bereits realisierte Projekte aus Wirtschaft und Verwaltung. Die Beispiele spiegeln konkrete Erfahrungen der jeweils genannten Firmen und Verwaltungen wider und können gute Anregun-gen geben, welche Teilbereiche der eigenen Firma oder Verwaltung im Hinblick auf ökonomisch und ökologisch sinnvolle Investitionen modernisiert werden sollten. Im Einzelnen geht es um die Bereiche Green Building, energieeffiziente Produktion, Green IT, klimaneutrale Unternehmen, klimaneutrale Veranstaltungen, betriebliches Mobili-tätsmanagement und Netzwerke/Forschungsprojekte. Die „Best Practice“-Beispiele der öffentlichen Hand behandeln darüber hinaus Bereiche wie Einspar-Contracting, Green IT und Mobilitäts-/Verkehrskonzepte.
Für viele der geschilderten Maßnahmen werden neben den Energieein-sparungen und der CO2-Reduktion auch die Investitionssumme und die durch die realisierten Projekte jeweils ermittelte Kapitalrendite aufgelistet. Die Angaben liegen zwischen 8% und über 200%. Die Beispiele sind allerdings kritisch zu lesen: Bei den Renditeberechnun-gen sind Abschreibungen nicht berücksichtig und die genannten Einsparungen ergeben sich zum Teil aus Vergleichen mit fiktiven (nicht realisierten) Alternativinvestitionen.
Die Firmen, in denen die jeweiligen Projekte durchgeführt wurden, sind im Anhang mit Angaben zum Firmensitz und ergänzenden Quellen noch einmal aufgeführt. Die in den Quellenangaben genannten Internetadressen sind allerdings häufig nicht oder nicht mehr abrufbar. Der interessierte Leser kann jedoch versuchen, Kontakt mit einzelnen Firmen aufzunehmen. Bei stichprobenartigen Versuchen war das jeweils erfolgreich.
4 Die „bisherigen Barrieren“ und die Frage, „warum Energieeffizienz in Unternehmen noch nicht umfassend umgesetzt wird“ sind Gegens-tand des vierten Kapitels. Zwar sehen nach einer Umfrage der KfW im Jahr 2005 zwei Drittel der befragten Unternehmen Potentiale im Bereich der Energieeffizienz, die möglichen Einsparungen werden jedoch erheblich unterschätzt. Vor allem aber scheitern die Projekte an mangelndem Know-how sowie am Mangel von Eigenkapital und unzureichender Investitionsförderung durch Förderkredite und Zuschüsse.
5 Das Konzept zur Lösung des Kapitalmangels ist Gegenstand des fünften Kapitels: „Der Zukunftsfonds und das Zukunftsprogramm“.
Die Autoren schlagen vor, „Zukunftsfondsgenossenschaften“ zu gründen, die Kredite für energiesparende Investitionen mit ein- bis fünfjähriger Amortisationszeit an Unternehmen vergeben. Verzinsung und Tilgung dieser Kredite erfolgen aus den eingesparten Energiekos-ten. Darüber hinausgehende Einsparungen verbleiben im Unternehmen und nach Rückzahlung der Kredite stehen die Einsparungen dem Unternehmen allein zu. Die Investitionen finanzieren sich also über die Energieeinsparungen quasi von selbst.
Das klingt zunächst verlockend, dennoch sind Zweifel angebracht, denn zum einen muss das notwendige Kapital für die Kreditvergabe am Markt beschafft und außerdem müssen die angebotenen Kredite auch nachgefragt werden.
a) Das notwendige Kapital der Fondsgenossenschaft soll von Privatan-legern kommen. Sie verfügten 2010 über ein Bruttogeldvermögen von 4.657,9 Mrd €, so dass ihnen nach Abzug der Schulden ein Nettogeld-vermögen verblieb, das von den Autoren mit 3.300 Mrd € angegeben wird [Anm 4 ]. Sie erwarten, dass Privatanleger zwischen 1% und 10% dieses Nettogeldvermögens in Zukunftsfondsanteile investieren, wenn diese mit 5% verzinst werden [Anm 5 ]. Bei der „mittleren Variante“ käme ein Fondsvermögen in Höhe von 248 Mrd € oder 7,5% des Nettogeldver-mögens zusammen. Nach Abzug von 10% dieses Betrages für Zinszahlungen an die Anteilseigner, für Verwaltung und für eine Ausfallrücklage (S. 236f) bleibt ein Darlehensvolumen von 223 Mrd €.
Mittel in dieser Größenordnung werden bei realistischer Betrachtung nicht zusammenkommen, denn zwei Drittel des Bruttogeldvermögens von 4.657,9 Mrd € ist langfristig angelegt in Anteilsrechten (875,5 Mrd €), Lebens-, Krankenversicherungen, Pensionskassen (1.628,4 Mrd €), langfristigen festverzinslichen Wertpapieren (250,5 Mrd €), Sparbrie-fen, längerfristigen Spar- und Termineinlagen (337,2 Mrd €). Ein erheblicher Teil der verbleibenden liquiden Mittel in Höhe von 1.566,3 Mrd € muss als Liquiditätspuffer für laufende Ausgaben und Tilgung der Verbindlichkeiten der privaten Hauhalte (1.533,9 Mrd €) vorgehal-ten werden. Schließlich ist zu berücksichtigen, dass wegen der ungleichen Vermögensverteilung vermögende Haushalte erheblich mehr als die 7,5% ihres Nettogeldvermögens in Zukunftsfonds investieren müssten, um zu kompensieren, dass die weniger Vermö-genden nur über langfristiges Geldvermögen verfügen, das sie nicht umschichten können oder wollen. Man wird also kleinere Brötchen backen müssen.
b) Fraglich ist auch, ob die angebotenen Kredite zur Effizienzsteige-rung am Markt untergebracht werden können. Zum Beispiel sind im Förderkatalog (Nr. 3 „Nachhaltige Mobilität“) Mittel in Höhe von 12 Mrd € für die „Förderung von zwei Millionen Kfz-Anschaffungen (Zuschuss zu den Anschaffungskosten von E-Mobilen …) mit durchschnittlich 6.000 €“ genannt. Die „Förderung“ ist nach diesem Modell aber kein Zuschuss sondern ein Darlehen, das mit ca 10% zu verzinsen ist, um die in dieser Höhe anfallenden Fondskosten (5% Verzinsung, 4% Verwaltungskosten, 1% Ausfallrisiko S.237) zu decken. Niemand wird einen solchen Kredit in Anspruch nehmen, wenn er bei seinem Renault-Händler (aktuell Nov 2012) für ein Elektroauto Fluence Z.E. einen Ratenkredit zum Effektivzinssatz von 0% in Anspruch nehmen kann. Trotz dieses zinslosen Kredits lässt sich das Elektroauto kam absetzen, weil die auf 6 Jahre gerechneten Gesamtkosten bei beispielsweise jährlich 15.000 km Fahrleistung trotz der um 7.992 € günstigeren Energiebilanz immer noch 2.372 € über dem Schwestermodell mit Ottomotor liegen [Anm 6 ].
Ähnlich sieht es bei den meisten anderen Positionen des „Förderkata-logs“ aus. Der Erbauer eines Passivhauses kann zurzeit (vgl. Finanztest Dez 2012, S.92) am Markt Kredite mit einer Laufzeit von 15 Jahren zu einem Effektivzinssatz unter 3% erhalten. Den teuren Kredit der Zukunftsfondsgenossenschaft mit einer Laufzeit von nur 5 bis 10 Jahren wird er verschmähen.
Auch die Zahlenbeispiele (S. 242ff), in denen sich unschöne Druckfehler häufen [Anm 7 ] , bestätigen diesen Eindruck. Das Unternehmen aus Beispiel 1, das ein Fondsdarlehen für Investitionen in Druckluft, Beleuchtung u.a. in Höhe von 80.000 € aufnimmt, zahlt bei den in der Tabelle aufgeführten Zins- und Tilgungszahlungen einen Effektivzinssatz von 8,29% auf die jeweilige Restschuld. Der Privathaushalt des zweiten Beispiels hat einen Effektivzinssatz von sogar 9,8 %.
Die Investoren stünden erheblich besser da, wenn sie die Investition zum weit günstigeren Marktzinssatz mit einer Bank finanzierten. Sollte die Bank einen Kredit selbst zu 9,8%, d.h. mit einem erheblichen Risikoaufschlag, verweigern, dann ist erhebliche Vorsicht hinsichtlich der Bonität der Schuldner geboten. Die Zeichner der Zukunftsfonds müssten um ihr Geld fürchten.

FAZIT:


Trotz der genannten Mängel ist das mit viel Engagement geschriebene Buch bedingt zu empfehlen. Nützlich können vor allem die im dritten Kapitel aufgeführten „Best Practice-Beispiele“ sein, weil sie einen Überblick über das weite Spektrum der Energiesparpotentiale in Industrie und öffentlicher Verwaltung geben und Unternehmen nennen, die Erfahrungen in den jeweiligen Bereichen gemacht haben. Aber auch hier sind die Renditeberechnungen kritisch zu lesen. Die wegen erhöhter Investitionen anfallenden höheren Abschreibungen wurden beispielsweise nicht berücksichtigt. Leider hat sich auch herausgestellt, dass das Finanzierungsmodell mit einem Zukunftsfonds noch nicht ausgereift ist.

ANMERKUNGEN:


[Anm 1 ] B.A.U.M. (Der „Bundesdeutsche Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management e.V.“) ist mit mehr als 500 Mitgliedern die größte Umweltinitiative der Wirtschaft in Europa. www.baumev.de, www.baumgroup.de

[Anm 2 ] „Wirtschaftskrise – Umweltkrise - Ressourcenkrise“ und „Die Energiewende –Chancen für ein ökol. Wirtschaftswunder“

[Anm 3 ] vgl. z.B. H.-W. Sinn, Das grüne Paradoxon: Warum man das Angebot bei der Klimapolitik nicht vergessen darf, Ifo Working Paper No. 54, Jan 2008, http://www.cesifo-group.de/portal/pls/portal/docs/1/1197220.PDF

[Anm 4 ] Tatsächlich betrug das Nettogeldvermögen der Sektoren S14 (Private Haushalte) und S 15 ( private Organisationen ohne Erwerbszweck) nach Angaben der Deutschen Bundesbank im Jahr 2010 nur 3.123,9 Mrd € ,vgl. Ergebnisse der gesamtwirtschaftlichen Finanzierungs- rechnung für Deutschland 2006-2011, Stat.Sonderveröffentlichung 4, Juni 2012, S.46f

[Anm 5 ] Die Angaben schwanken zwischen 3,5% (S.236, Fußnote 122) und 5% (S.229,237,240)

[Anm 6 ]


[Anm 7 ] Beispiel1, S. 242: Investition 100.000 € statt10.000, Eigenanteil 20.000 statt 2.000, Beispiel 2, S.243: Einsparung 2.800 € statt 28.000, Rückzahlung im 6. Jahr Null statt 2.100, beim Unternehmen verbleiben 5.600 statt 3.500 €