Das Judentum und Klimaschutz – Anspruch und Realität

Jasmin Andriani, Rabbinerin liberale jüdische Gemeinde

Die neuesten Corona-Entwicklungen fordern ihren Tribut auch für unsere Vortragsreihe, deren 3. Veranstaltung daher im Online-Format stattfand.  Jasmin Andriani, seit 2020 Rabbinerin und zuständig für die liberalen jüdischen Gemeinden Hannover und Göttingen, referierte zu den Grundlagen nachhaltiger Lebensweise in den Büchern der Tora.

Von ihrer halb scherzhaften Titulierung als „grüne Rabbinerin“ kommend stößt die Referentin schnell zur Kernthese und zum roten Faden ihres Referats vor: die Heiligen Schriften seien im Hinblick auf die Mensch-Umwelt-Probleme sehr gehaltvoll und hielten reichhaltige Angebote für verständige Anwendungen auf die heutige Zeit bereit. Frau Andriani verleiht der Veranstaltung einen besonderen Charakter, indem sie einschlägige Zitate aus der Tora zweisprachig präsentiert und verliest: zunächst hebräisch, dann deutsch. Altertümlich anmutende Formulierungen in der Schöpfungsgeschichte („ein jegliches nach seiner Art“, „Gewimmel“ im Wasser und in der Luft) seien durchaus wörtlich zu nehmen und als solche bereits ein Hinweis auf die diesbezüglichen Veränderungen und den heutigen Artenschwund. Die alten Imperative („füllet die Erde“, „bezwinget“, „herrschet“) seien von der nun auf 8 Milliarden angeschwollenen Menschheit einseitig und destruktiv ausgelegt worden.

Die beiden großen Strafaktionen Gottes, die Vertreibung aus dem Paradies und die Sintflut, werden als Versuche betrachtet, die Menschen vom verständigen Umgang mit dem Geliehenen zu überzeugen. Mit dem Regenbogen über der Arche Noah habe Gott dann aber versprochen, die Erde nie wieder zu vernichten.  Damit habe er zugleich die Verantwortung in die Hände der Menschen übergeben. Daraus sei abzuleiten, dass der Mensch als bloßer Gast des Herrn die Pflicht habe, die ihm anvertrauten Stücke Land ebenso schonend und umsichtig zu behandeln wie die Tierwelt und auch sich selbst. Die Ruhepause für den Menschen und das Vieh, die Brache für das Land, Dankbarkeit, die Bereitschaft zur Entsagung und zum gelegentlichen Opfer gehören in dieser Sicht untrennbar zusammen. Und einige der jüdischen Feste, ganz besonders Sukkot, spiegeln diesen Zusammenhang unmittelbar und betonen das Gemeinsame aller Menschen. Die heutige Praxis, etwa beim Markt in Jerusalem, zeigt beides: beständige Traditionen und Tendenzen der Erosion. Hier werden Produkte nachhaltiger Landwirtschaft ebenso angeboten wie solche aus intensiver Landwirtschaft.

Die Diskussion war facettenreich und niveauvoll. Hinterfragt wurde z.B., inwieweit der Mensch die Natur tatsächlich bezwungen habe: seien die Naturkatastrophen oder die Epidemien nicht gerade Ausdruck einer nicht zähmbaren Macht? Die Anwendung der alten Lehren als Argumente gegen Massentierhaltung, brutale Schlachtungen und eine den Boden zerstörende Landwirtschaft sei unmittelbar einleuchtend – doch sind die exzessive Nutzung der fossilen Energieträger oder die Probleme durch die heutige Mobilität zu Lande und in der Luft damit zu fassen? Und schließlich ganz direkt und banal: würden jüdische Familien ihre Kinder gern bei den “Fridays for Future“ sehen? Dass Beiträge dieses „Kalibers“ nicht abschließend geklärt werden konnten, versteht sich von selbst. Nach konkreten Klimaschutz-Aktivitäten gefragt, wiesen Vertreter*innen der liberalen jüdischen Gemeinde Göttingen auf ihre Umweltarbeitsgruppe hin, die versuche das Thema Nachhaltigkeit in den Alltag der Gemeinde zu überführen. Wieweit dieser Ansatz verbreitet ist und ob Klimaschutzüberlegungen Eingang in den Umgang mit Immobilien, Flächen und Geldanlagen finden, sind Fragen, die Frau Andriani in Zukunft verfolgen will.